Solinu und Solini und die Uhr der besonderen Augenblicke

Solinu und Solini waren Weihnachtswichtel. Echte Weihnachtswichtel.

Jedes Jahr, wenn die Tage kürzer wurden und die Luft langsam nach Winter roch, begann ihre liebste Zeit. Dann machten sie sich auf den Weg zu den Kindern. Heimlich, leise und mit einem Herzen voller Vorfreude. Sie halfen beim Vorbereiten, beim Warten und beim Staunen. Sie rückten kleine Dinge zurecht, die plötzlich wichtig wurden, und sorgten dafür, dass sich manches ein kleines bisschen magischer anfühlte als sonst. So war das in der Wichtelwelt.

Am Heiligabend, wenn die Kinder lachten, Kerzen leuchteten und sich Familien um den Weihnachtsbaum versammelten, war ihre Aufgabe erfüllt. Dann verabschiedeten sich die Wichtel. Still. Dankbar. Und sie kehrten zurück in den Wichtelwald, bis der nächste Winter kam.

Der Wichtelwald war groß. still. Und voller Tannen.

Die meisten Weihnachtswichtel liebten die Zeit nach Weihnachten. Endlich konnten sie ausschlafen, gemeinsam Plätzchen backen, heißen Beerentee trinken und sich Geschichten vom vergangenen Weihnachtsfest erzählen. Manchmal verging ein ganzer Nachmittag, ohne dass jemand etwas anderes tat, als zufrieden unter den Tannen zu sitzen und vom nächsten Winter zu träumen. Solinu liebte das. Solini auch. Doch je länger der Winter vergangen war, desto öfter wurden die beiden still.

Eines Nachmittags saßen sie nebeneinander auf einem umgestürzten Baumstamm. Über ihnen rauschten die Tannen leise im Wind. „Vermisst du sie auch so doll?“, fragte Solini schließlich. Solinu brauchte nicht nachzufragen. Er wusste sofort, wen sie meinte. „Jeden Tag ein bisschen.“ „Ich frage mich oft, was sie gerade machen.“ „Ich auch“, sagte Solinu. „Ob sie lachen. Ob sie mutig sind. Oder ob sie gerade jemanden brauchen, der an sie glaubt.“

Eine Weile hörten sie nur dem Wind zu. „Bis Weihnachten ist es noch so lange“, flüsterte Solini. Solinu nickte. „Manchmal fühlt es sich an, als würden wir das Schönste am ganzen Jahr verpassen.“ Solini sah ihn an. „Genau das denke ich auch.“

Sie schwiegen wieder. Dann sprang Solinu plötzlich auf. „Komm!“ „Wohin denn?“ Er grinste. „Ich weiß es nicht.“ Solini musste lachen. „Du weißt es nicht?“ „Nein.“ Er schaute zwischen den Tannen hindurch dorthin, wo der Wald langsam heller wurde. „Aber irgendetwas sagt mir, dass wir dort draußen etwas finden, nach dem wir schon ganz lange suchen.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Sie gingen immer weiter durch den Wichtelwald. Die Tannen wurden lichter, bis die Sonnenstrahlen kleine goldene Flecken auf den Waldboden malten. „Hier war ich noch nie“, staunte Solinu. „Ich auch nicht“, sagte Solini. Vor ihnen stand ein alter Apfelbaum. Die meisten Weihnachtswichtel kamen nie hierher. Es war ihnen zu hell, zu offen und viel zu wenig winterlich. Doch Solini und Solinu blieben stehen. „Irgendwie fühlt es sich hier anders an“, sagte Solinu. Solini nickte. „Ja.“ Mehr mussten sie gar nicht sagen. Von diesem Tag an kamen sie immer wieder zurück.

Im Frühling entdeckten sie die ersten kleinen Knospen. Tag für Tag wurden es mehr, bis der ganze Baum in zarten Blüten leuchtete. Bienen summten zwischen den Ästen hindurch, und die Luft duftete so wunderbar, dass Solinu die Augen schloss. „Wonach riecht das?“, fragte er. Solini lächelte. „Vielleicht nach Frühling.“ Im Sommer saßen sie oft im Schatten des Baumes und hörten den Blättern beim Rauschen zu. Im Herbst hingen schließlich kleine rotgoldene Äpfel zwischen den Zweigen.

Eines Tages fiel einer direkt vor Solinus Füße. Er hob ihn vorsichtig auf. „Meinst du, wir dürfen?“ Solini nickte. Solinu biss hinein. Er kaute. Noch einmal. Dann wurden seine Augen ganz groß. „Der schmeckt ja überhaupt nicht nach Plätzchen!“ Solini lachte. „Wonach denn?“ Solinu schloss noch einmal die Augen. „Nach Sommer.“ Er lächelte. „Und ein bisschen nach Sonne.“ Solini sah hinauf in die Äste. „Dann gibt es wohl das ganze Jahr über Wunder.“ Solinu nickte. „Viel mehr, als wir gedacht haben.“

Mit dem alten Apfelbaum hatten sie eine ganz neue Welt entdeckt. Sie liebten den Frühling mit seinen Blüten, den Sommer mit seinem Spiel aus Licht und Schatten und den Herbst mit seinen süßen Äpfeln. Der Baum hatte ihnen gezeigt, dass das ganze Jahr voller kleiner Wunder war. Und trotzdem fehlte ihnen noch immer etwas.

Eines Abends saßen sie wieder unter dem Apfelbaum und hörten den Blättern beim Rascheln zu. „Weißt du, was ich gerade denke?“, fragte Solini. Solinu nickte. „Ja.“ „Wirklich?“ „Du denkst bestimmt dasselbe wie ich.“ Solini lächelte. „Dass all das hier die Kinder auch lieben würden.“ „Genau.“ Eine Weile schwiegen sie. „Schade, dass wir ihnen das nicht zeigen können“, sagte Solinu leise. Solini lehnte sich an den Stamm des Apfelbaums und schloss die Augen.

Da hörte sie es. Tick. Sie öffnete die Augen. Tack. „Solinu …“ „Psst.“ Beide lauschten.

Nur das leise Rascheln der Blätter. „Ich bin mir ganz sicher, dass ich etwas gehört habe“, flüsterte Solini. „Ich auch.“ Kaum hatte Solinu den Satz beendet, erklang es wieder. Tick. Tack.

Jetzt sprangen beide gleichzeitig auf. „Da drüben!“ „Nein, eher hier!“ Sie liefen einmal um den Apfelbaum herum, blieben stehen und lauschten. Wieder war es still. „Komisch“, murmelte Solinu. „Eben war es noch ganz nah.“ Langsam gingen sie weiter. Schritt für Schritt. Immer wieder hielten sie an. Plötzlich … Tick. „Hier!“, rief Solini.

Sofort knieten sich beide ins Gras. Vorsichtig schoben sie Blätter zur Seite und hoben etwas Moos an. Nichts. „Vielleicht liegt es unter der Erde“, überlegte Solinu. Mit ihren kleinen Händen begannen sie vorsichtig zu graben. Die Erde war weich und duftete nach Wald. Immer wieder hielten sie inne und lauschten. Tick. Jetzt wussten sie, dass sie ganz nah waren. Sie gruben weiter. Behutsam schoben sie die Erde zur Seite, bis Solinus Hand gegen etwas Hartes stieß. „Ich glaube … ich habe etwas gefunden!“

Gemeinsam legten sie den kleinen Gegenstand vorsichtig frei. Langsam kam ein schmaler goldener Rand zum Vorschein. Mit klopfendem Herzen hoben sie ihn behutsam aus der Erde. Es war eine kleine Uhr. Sie sah ganz anders aus als alle Uhren, die sie kannten. Sie hatte keine Zahlen. Keine Zeiger. Und doch erklang genau in dem Augenblick, als Solini sie vorsichtig in ihre Hände nahm, wieder dieses leise Geräusch.

Tick. Solinu beugte sich neugierig über die kleine Uhr. „Das ist aber seltsam.“ „Was denn?“, fragte Solini. „Wie kann eine Uhr ticken, wenn sie gar keine Zeiger hat?“ Solini drehte sie langsam in ihren Händen. „Und Zahlen hat sie auch keine.“ Beide hielten den Atem an. Keiner sagte ein Wort.

Manchmal gibt es Augenblicke, die so besonders sind, dass selbst die größte Neugier für einen kleinen Moment ganz still wird. Eine ganze Weile saßen Solini und Solinu schweigend unter dem Apfelbaum. Die kleine Uhr lag zwischen ihnen im Gras. Von Zeit zu Zeit war ihr leises Tick. zu hören.

Schließlich hob Solinu den Blick. „Weißt du, was ich gerade denke?“ Solini nickte. „Dasselbe wie ich?“ „Ich glaube schon.“ Beide mussten lächeln. „Wenn die Uhr uns zeigt, wann für Kinder ein besonderer Augenblick beginnt“, sagte Solinu langsam, „dann können wir sie doch begleiten.“ Solini sah auf die kleine Uhr. Dann dachte sie an all die Kinder, die sie so vermisst hatte. An den ersten Schultag. An Geburtstage. An Ferien. An kleine und große Abenteuer. Sie lächelte. „Darauf hat unser Herz doch die ganze Zeit gewartet.“ Solinu nickte. Jetzt verstand auch er.

Nicht die kleine Uhr hatte sie verändert. Sie hatte ihnen nur den Weg gezeigt. Es war ihre Sehnsucht nach den Kindern gewesen, die sie hierhergeführt hatte.

Der Wind strich sanft durch die Blätter des alten Apfelbaums. Tick. „Dann bleiben wir Weihnachtswichtel“, sagte Solinu. „Aber wir werden noch etwas mehr.“ Solini lächelte. „Augenblickswichtel.“ Solinu sprach das Wort ganz langsam nach. „Augenblickswichtel.“ Es fühlte sich genau richtig an.

Von diesem Augenblick an wussten sie, was ihre neue Aufgabe war. Sie wollten die Kinder nicht mehr nur an Weihnachten begleiten. Sie wollten auch für sie da sein, wenn etwas Neues begann. Wenn Mut gebraucht wurde. Wenn die Vorfreude so groß war, dass sie kaum ins Herz passte. Oder wenn eine leise Frage nach einer Antwort suchte.

Die kleine Uhr hatte ihnen keinen Auftrag gegeben. Sie hatte ihnen nur gezeigt, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatten. Von nun an machten sich die beiden immer dann auf den Weg, wenn die Uhr der besonderen Augenblicke leise zu ticken begann. Manchmal begleitete Solinu ein Kind. Manchmal war Solini unterwegs. Und manchmal gingen sie gemeinsam, wenn ein Augenblick besonders groß oder eine Frage so knifflig war, dass zwei Augenblickswichtel besser nachdenken konnten als einer allein.

Seit diesem Tag waren Solinu und Solini nicht nur Weihnachtswichtel. Sie waren die ersten Augenblickswichtel. Von da an begann für sie das größte Abenteuer ihres Wichtellebens. Und irgendwo unter einem alten Apfelbaum tickt bis heute leise die Uhr der besonderen Augenblicke.

Und wenn du jetzt einmal ganz genau nachdenkst … erinnerst du dich vielleicht an einen Augenblick, in dem Solini oder Solinu bei dir gewesen sein könnten?

Solinu und Solini und die Uhr der besonderen Augenblicke

Solinu und Solini waren Weihnachtswichtel. Echte Weihnachtswichtel.

Jedes Jahr, wenn die Tage kürzer wurden und die Luft langsam nach Winter roch, begann ihre liebste Zeit. Dann machten sie sich auf den Weg zu den Kindern. Heimlich, leise und mit einem Herzen voller Vorfreude. Sie halfen beim Vorbereiten, beim Warten und beim Staunen. Sie rückten kleine Dinge zurecht, die plötzlich wichtig wurden, und sorgten dafür, dass sich manches ein kleines bisschen magischer anfühlte als sonst. So war das in der Wichtelwelt.

Am Heiligabend, wenn die Kinder lachten, Kerzen leuchteten und sich Familien um den Weihnachtsbaum versammelten, war ihre Aufgabe erfüllt. Dann verabschiedeten sich die Wichtel. Still. Dankbar. Und sie kehrten zurück in den Wichtelwald, bis der nächste Winter kam.

Der Wichtelwald war groß. still. Und voller Tannen.

Die meisten Weihnachtswichtel liebten die Zeit nach Weihnachten. Endlich konnten sie ausschlafen, gemeinsam Plätzchen backen, heißen Beerentee trinken und sich Geschichten vom vergangenen Weihnachtsfest erzählen. Manchmal verging ein ganzer Nachmittag, ohne dass jemand etwas anderes tat, als zufrieden unter den Tannen zu sitzen und vom nächsten Winter zu träumen. Solinu liebte das. Solini auch. Doch je länger der Winter vergangen war, desto öfter wurden die beiden still.

Eines Nachmittags saßen sie nebeneinander auf einem umgestürzten Baumstamm. Über ihnen rauschten die Tannen leise im Wind. „Vermisst du sie auch so doll?“, fragte Solini schließlich. Solinu brauchte nicht nachzufragen. Er wusste sofort, wen sie meinte. „Jeden Tag ein bisschen.“ „Ich frage mich oft, was sie gerade machen.“ „Ich auch“, sagte Solinu. „Ob sie lachen. Ob sie mutig sind. Oder ob sie gerade jemanden brauchen, der an sie glaubt.“

Eine Weile hörten sie nur dem Wind zu. „Bis Weihnachten ist es noch so lange“, flüsterte Solini. Solinu nickte. „Manchmal fühlt es sich an, als würden wir das Schönste am ganzen Jahr verpassen.“ Solini sah ihn an. „Genau das denke ich auch.“

Sie schwiegen wieder. Dann sprang Solinu plötzlich auf. „Komm!“ „Wohin denn?“ Er grinste. „Ich weiß es nicht.“ Solini musste lachen. „Du weißt es nicht?“ „Nein.“ Er schaute zwischen den Tannen hindurch dorthin, wo der Wald langsam heller wurde. „Aber irgendetwas sagt mir, dass wir dort draußen etwas finden, nach dem wir schon ganz lange suchen.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Sie gingen immer weiter durch den Wichtelwald. Die Tannen wurden lichter, bis die Sonnenstrahlen kleine goldene Flecken auf den Waldboden malten. „Hier war ich noch nie“, staunte Solinu. „Ich auch nicht“, sagte Solini. Vor ihnen stand ein alter Apfelbaum. Die meisten Weihnachtswichtel kamen nie hierher. Es war ihnen zu hell, zu offen und viel zu wenig winterlich. Doch Solini und Solinu blieben stehen. „Irgendwie fühlt es sich hier anders an“, sagte Solinu. Solini nickte. „Ja.“ Mehr mussten sie gar nicht sagen. Von diesem Tag an kamen sie immer wieder zurück.

Im Frühling entdeckten sie die ersten kleinen Knospen. Tag für Tag wurden es mehr, bis der ganze Baum in zarten Blüten leuchtete. Bienen summten zwischen den Ästen hindurch, und die Luft duftete so wunderbar, dass Solinu die Augen schloss. „Wonach riecht das?“, fragte er. Solini lächelte. „Vielleicht nach Frühling.“ Im Sommer saßen sie oft im Schatten des Baumes und hörten den Blättern beim Rauschen zu. Im Herbst hingen schließlich kleine rotgoldene Äpfel zwischen den Zweigen.

Eines Tages fiel einer direkt vor Solinus Füße. Er hob ihn vorsichtig auf. „Meinst du, wir dürfen?“ Solini nickte. Solinu biss hinein. Er kaute. Noch einmal. Dann wurden seine Augen ganz groß. „Der schmeckt ja überhaupt nicht nach Plätzchen!“ Solini lachte. „Wonach denn?“ Solinu schloss noch einmal die Augen. „Nach Sommer.“ Er lächelte. „Und ein bisschen nach Sonne.“ Solini sah hinauf in die Äste. „Dann gibt es wohl das ganze Jahr über Wunder.“ Solinu nickte. „Viel mehr, als wir gedacht haben.“

Mit dem alten Apfelbaum hatten sie eine ganz neue Welt entdeckt. Sie liebten den Frühling mit seinen Blüten, den Sommer mit seinem Spiel aus Licht und Schatten und den Herbst mit seinen süßen Äpfeln. Der Baum hatte ihnen gezeigt, dass das ganze Jahr voller kleiner Wunder war. Und trotzdem fehlte ihnen noch immer etwas.

Eines Abends saßen sie wieder unter dem Apfelbaum und hörten den Blättern beim Rascheln zu. „Weißt du, was ich gerade denke?“, fragte Solini. Solinu nickte. „Ja.“ „Wirklich?“ „Du denkst bestimmt dasselbe wie ich.“ Solini lächelte. „Dass all das hier die Kinder auch lieben würden.“ „Genau.“ Eine Weile schwiegen sie. „Schade, dass wir ihnen das nicht zeigen können“, sagte Solinu leise. Solini lehnte sich an den Stamm des Apfelbaums und schloss die Augen.

Da hörte sie es. Tick. Sie öffnete die Augen. Tack. „Solinu …“ „Psst.“ Beide lauschten.

Nur das leise Rascheln der Blätter. „Ich bin mir ganz sicher, dass ich etwas gehört habe“, flüsterte Solini. „Ich auch.“ Kaum hatte Solinu den Satz beendet, erklang es wieder. Tick. Tack.

Jetzt sprangen beide gleichzeitig auf. „Da drüben!“ „Nein, eher hier!“ Sie liefen einmal um den Apfelbaum herum, blieben stehen und lauschten. Wieder war es still. „Komisch“, murmelte Solinu. „Eben war es noch ganz nah.“ Langsam gingen sie weiter. Schritt für Schritt. Immer wieder hielten sie an. Plötzlich … Tick. „Hier!“, rief Solini.

Sofort knieten sich beide ins Gras. Vorsichtig schoben sie Blätter zur Seite und hoben etwas Moos an. Nichts. „Vielleicht liegt es unter der Erde“, überlegte Solinu. Mit ihren kleinen Händen begannen sie vorsichtig zu graben. Die Erde war weich und duftete nach Wald. Immer wieder hielten sie inne und lauschten. Tick. Jetzt wussten sie, dass sie ganz nah waren. Sie gruben weiter. Behutsam schoben sie die Erde zur Seite, bis Solinus Hand gegen etwas Hartes stieß. „Ich glaube … ich habe etwas gefunden!“

Gemeinsam legten sie den kleinen Gegenstand vorsichtig frei. Langsam kam ein schmaler goldener Rand zum Vorschein. Mit klopfendem Herzen hoben sie ihn behutsam aus der Erde. Es war eine kleine Uhr. Sie sah ganz anders aus als alle Uhren, die sie kannten. Sie hatte keine Zahlen. Keine Zeiger. Und doch erklang genau in dem Augenblick, als Solini sie vorsichtig in ihre Hände nahm, wieder dieses leise Geräusch.

Tick. Solinu beugte sich neugierig über die kleine Uhr. „Das ist aber seltsam.“ „Was denn?“, fragte Solini. „Wie kann eine Uhr ticken, wenn sie gar keine Zeiger hat?“ Solini drehte sie langsam in ihren Händen. „Und Zahlen hat sie auch keine.“ Beide hielten den Atem an. Keiner sagte ein Wort.

Manchmal gibt es Augenblicke, die so besonders sind, dass selbst die größte Neugier für einen kleinen Moment ganz still wird. Eine ganze Weile saßen Solini und Solinu schweigend unter dem Apfelbaum. Die kleine Uhr lag zwischen ihnen im Gras. Von Zeit zu Zeit war ihr leises Tick. zu hören.

Schließlich hob Solinu den Blick. „Weißt du, was ich gerade denke?“ Solini nickte. „Dasselbe wie ich?“ „Ich glaube schon.“ Beide mussten lächeln. „Wenn die Uhr uns zeigt, wann für Kinder ein besonderer Augenblick beginnt“, sagte Solinu langsam, „dann können wir sie doch begleiten.“ Solini sah auf die kleine Uhr. Dann dachte sie an all die Kinder, die sie so vermisst hatte. An den ersten Schultag. An Geburtstage. An Ferien. An kleine und große Abenteuer. Sie lächelte. „Darauf hat unser Herz doch die ganze Zeit gewartet.“ Solinu nickte. Jetzt verstand auch er.

Nicht die kleine Uhr hatte sie verändert. Sie hatte ihnen nur den Weg gezeigt. Es war ihre Sehnsucht nach den Kindern gewesen, die sie hierhergeführt hatte.

Der Wind strich sanft durch die Blätter des alten Apfelbaums. Tick. „Dann bleiben wir Weihnachtswichtel“, sagte Solinu. „Aber wir werden noch etwas mehr.“ Solini lächelte. „Augenblickswichtel.“ Solinu sprach das Wort ganz langsam nach. „Augenblickswichtel.“ Es fühlte sich genau richtig an.

Von diesem Augenblick an wussten sie, was ihre neue Aufgabe war. Sie wollten die Kinder nicht mehr nur an Weihnachten begleiten. Sie wollten auch für sie da sein, wenn etwas Neues begann. Wenn Mut gebraucht wurde. Wenn die Vorfreude so groß war, dass sie kaum ins Herz passte. Oder wenn eine leise Frage nach einer Antwort suchte.

Die kleine Uhr hatte ihnen keinen Auftrag gegeben. Sie hatte ihnen nur gezeigt, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatten. Von nun an machten sich die beiden immer dann auf den Weg, wenn die Uhr der besonderen Augenblicke leise zu ticken begann. Manchmal begleitete Solinu ein Kind. Manchmal war Solini unterwegs. Und manchmal gingen sie gemeinsam, wenn ein Augenblick besonders groß oder eine Frage so knifflig war, dass zwei Augenblickswichtel besser nachdenken konnten als einer allein.

Seit diesem Tag waren Solinu und Solini nicht nur Weihnachtswichtel. Sie waren die ersten Augenblickswichtel. Von da an begann für sie das größte Abenteuer ihres Wichtellebens. Und irgendwo unter einem alten Apfelbaum tickt bis heute leise die Uhr der besonderen Augenblicke.

Und wenn du jetzt einmal ganz genau nachdenkst … erinnerst du dich vielleicht an einen Augenblick, in dem Solini oder Solinu bei dir gewesen sein könnten?